» STEINRÄUME
Karl-Ludwig Böke
28.02.2010 - 30.05.2010
Am 12. Oktober 1976 wurde Karl-Ludwig Böke überraschend ins Borromäus-Hospital in Leer eingeliefert. Nach einer Woche, von der er drei Tage auf der Intensivstation verbrachte, transportierte man ihn nach Münster in die Klinik der Universität, Befund: schwere Koronarinsuffizienz. Doch von hier wurde er schon nach wenigen Tagen wieder entlassen: es war eine Entscheidung zu fällen. Für die dringend notwendige Herzoperation wäre der Kassenpatient Böke auf eine Warteliste gekommen, der keineswegs wohlhabende Künstler entschloß sich nach einer weiteren Woche Bedenkzeit im Leeraner Hospital zur Privatbehandlung, die ihm wahrscheinlich das Leben rettete. Am 27.10.1976 wird er wieder in Münster aufgenommen und am 28. oder 29., also einen Monat nach seinem neunundvierzigsten Geburtstag, am offenen Herzen operiert, Genesung und Rekonvaleszenz ziehen sich bis ins Frühjahr 1977 hin; zwanzig Jahre später sollte der Künstler an einem ganz ähnlichen Krankheitsbild sterben.
Die Bedeutung dieser existentiellen Erfahrung für das weitere Werk des Künstlers Böke kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden, dabei ist sie nicht eigentlich eine Zäsur, sondern vielmehr eine Verstärkung auch vorher schon angelegter Tendenzen. Die Wahl der Werkstoffe Stein und Bronze standen schon beim jungen Böke seiner späteren Selbstinterpretation nach für das Streben des Künstlers nach der Überwindung seiner eigenen Sterblichkeit, für das Weiterleben im Werk – und da schien ihm Stein und Bronze durabler als Papier und Leinwand. Nach der Herzoperation aber galt für ihn nicht nur der seit der Antike durchaus vertraute Gedanke des Nachruhmes und Nachlebens im Werk, sondern zugespitzt die These, der künstlerische Impetus überhaupt sei die Angst vor dem Tod. Damit allerdings denkt sich der Künstler in existentialistische Zusammenhänge und in die Heillosigkeit. Denn tatsächlich läßt sich der Tod im Werk ja nur metaphorisch überwinden und der Gedanke an das Weiterleben im Angedenken der Nachwelt, setzt nicht nur den Glauben an deren Dauer voraus, - wie fragwürdig er ist, wird mit der Nennung des Wortes Tschernobyl deutlich – sondern scheidet auch den Künstler vom Menschen und dessen religiösen Vorstellungen vom Jenseits, von der Erlösung, von der Unsterblichkeit der Seele und allen anderen Tröstungen, die die Theologie als Antwort auf den Skandal des Todes bereit hält. Die Angst ist etwas kreatürliches und wenn der Mensch aus ihr heraus zum Künstler wird, so wird er zum Sisyphos, so sehr er auch Prometheus zu sein trachtet. Mit anderen Worten: je gottähnlicher der Künstler sich gebärdet, indem er die Welt nach seinem Bilde formt, desto mehr wird er auf das Vergebliche dieses Tuns, die eigene Fleischlichkeit und Verwesbarkeit zurückgeworfen. Die Metamorphose des eigenen Körpers in Stein oder Bronze ist ihm verwehrt, er bleibt auf die Metaphorik, das „Als ob“ der Kunst verwiesen. Die Bändigung der kreatürlichen Angst erfolgt also nicht als A priori des Kunstwerks sondern im Gedanken, der sich das Werk unterwirft. Erst darüber, über das Denken, formt der Mensch als Künstler die Welt nach seinem Bilde.
Dieser Exkurs über die Angst ist notwendig, um sich den zentralen Begriffen „Zeit und Stille“ für das Werk Bökes – und besonders für die hier gezeigten Werke -, zu nähern. Hinter diesen friedlichen und friedensstiftenden Bezeichnungen lauert die Angst als Schrecken, den es immer wieder zu bannen und zu bändigen gilt.
Peter Reindl, damals Direktor des Oldenburgischen Landesmuseums hat vor zehn Jahren in einer Rede zur Eröffnung einer Böke-Ausstellung die Frage gestellt, ob man diese Werke Bökes nicht zu Recht als skulpturale Landschaften bezeichnen könne, er hat an die Architektur als die Mutter der Künste, auch der Plastik und der Malerei erinnert, er hat mit großem Einfühlungsvermögen beschrieben, wie wir zur Assoziation an klassische Architektur, an europäische, ägyptische oder vorderasiatische Formen geführt werden. In einem Punkt aber darf man Reindl meiner Meinung nach behutsam ergänzen, wenn er sagt: „wir begegnen keinen surrealistischen Phänomenen, etwa Symbolen psychischer, traumhafter Ereignisse unseres Unterbewußtseins.“ Man kann vieles, was wir hier sehen, durchaus als die symbolische Umsetzung der Befindlichkeit eines Herzkranken sehen: die steilen Treppen ebenso wie die Beklemmung, wie sie vor allem im letzten Werk in der hinteren rechten Ecke deutlich wird. Da ist die Kugel eingeschlagen, blitzartig wie ein Geschoß in den erratischen Steinblock, hat ihn gesprengt, das Ganze ein eingefrorener Moment, wie die Krankheit blitzartig ins Leben des Menschen einschlägt und wie das Herz des Kranken eingeengt und bedrängt wird, steckt die Kugel nun im Steinspalt, traumhaft-surrealistische Umsetzung der Beklemmung, wie die Angina pectoris sie auslöst. Gefrorene, zum Stillstand gebrachte Angst, die nun zur Meditation einlädt. So wie andere Werke Modelle archaischer Kultstätten zu sein scheinen, die ja auch astronomische Funktion haben, Zeitmessung betreiben – die Zeit teilen in Vergangenheit und Zukunft, Zeit vor und nach der Öffnung des Herzens. Immer wieder begegnen wir in Bökes Werk dem doppelgesichtigen Janus, dem Gott, der dem Januar seinen Namen gegeben hat, also ins vergangene wie ins neue Jahr blickt. Eine Gestaltung des Themas zeigen wir heute - und wenn man sich dem filigranen Doppelkopf nähert, stellt man fest, daß die beiden Gesichter keineswegs identisch sind. Zwar handelt es sich um dieselbe Person, die zweifelsohne Züge des Künstlers trägt, aber dieser Janus hat ein junges und ein altes Gesicht. Das ist eine höchst eigenwillige Interpretation des antiken Mythos und rätselhaft wie der Zeitbegriff selbst. Denn welches Antlitz steht für Zukunft und welches für die Vergangenheit? Ist der Alte die Zukunft des Jungen oder wird das Neue, also die Zukunft, von der Jugend symbolisiert ? „Zwischen den Zeiten“ oder „Zeitenwende“ hat Böke oft seine Arbeit tituliert und damit sich einem Aspekt des unerschöpflichen Themas Zeit gewidmet: dem Umschlag von Vergangenheit in Zukunft. Wenn wir uns das, was wir Gegenwart nennen, als Punkt vorstellen auf einer Linie, die aus dem Gewesenen ins Kommende führt, gibt es sie gar nicht, denn mathematisch gesehen hat ein Punkt keine Ausdehnung, er ist nur ein Symbol. Ein Symbol des Stillstands auf der Linie, des Moments, der Stille. Das ist das rätselhafte, auch magische, was alle diese Arbeiten ausstrahlen, Reindl spricht sogar von einem „magischen Schauder“.